Wer im Supermarkt nach einer praktischen Proteinquelle sucht, greift häufig zur Thunfischdose. Das Produkt gilt als gesund, lange haltbar und vielseitig einsetzbar. Doch zwischen den Regalen lauert eine Täuschung, die selbst aufmerksamen Käufern oft entgeht: Die Verkaufsbezeichnungen auf den Dosen verschleiern systematisch, welche Thunfischart sich tatsächlich im Inneren befindet. Der Qualitätsunterschied zwischen verschiedenen Thunfischarten ist erheblich, und genau hier setzt ein System an, das Verbraucher seit Jahren benachteiligt.
Das Problem mit den Thunfischarten: Nicht jeder Thunfisch ist gleich
In deutschen Supermärkten landen hauptsächlich drei Thunfischarten in den Dosen: der Echte Bonito oder Weißer Thun, der Gelbflossen-Thunfisch und der Skipjack-Thunfisch. Die Unterschiede sind erheblich: Echter Bonito hat helles Fleisch mit fester Konsistenz und mildem Geschmack. Skipjack-Thunfisch hat dunkleres Fleisch, eine weichere Textur und einen oft intensiveren, manchmal metallischen Geschmack.
Der Preisunterschied zwischen den Arten ist beträchtlich. Dennoch zahlen Verbraucher im Supermarktregal oft ähnliche Preise – unabhängig davon, welche Thunfischart tatsächlich in der Dose steckt. Diese Intransparenz ist kein Zufall, sondern System.
Wie irreführende Bezeichnungen funktionieren
Die gängigsten Tricks bei Verkaufsbezeichnungen sind raffiniert und bewegen sich teilweise in rechtlichen Grauzonen. Auf vielen Dosen prangt schlicht das Wort „Thunfisch“ – eine völlig legale, aber bewusst unspezifische Bezeichnung. Verbraucher assoziieren damit automatisch hochwertigen Fisch, erhalten aber häufig die günstigste Variante.
Besonders tückisch wird es bei Formulierungen wie „Thunfisch-Filets“ oder „Thunfisch-Stücke“. Diese Begriffe suggerieren Qualität und hochwertige Fleischstücke, sagen aber nichts über die tatsächliche Art aus. Selbst Skipjack darf als „Filet“ bezeichnet werden, solange die Stücke eine bestimmte Größe haben. Die tatsächliche Fischart findet sich oft nur im Kleingedruckten der Zutatenliste – in lateinischer Fachsprache. Dort steht dann beispielsweise „Katsuwonus pelamis“ für Skipjack oder „Thunnus alalunga“ für Echten Bonito. Für den durchschnittlichen Verbraucher sind diese Bezeichnungen völlig unverständlich.
Der Angebotskontext verschärft das Problem
Besonders problematisch wird die irreführende Kennzeichnung im Sonderangebotskontext. Wenn Thunfischdosen reduziert angeboten werden, greifen Verbraucher noch schneller zu, ohne die Bezeichnungen genau zu prüfen. Die vermeintlich günstige Gelegenheit wird zum Verkaufsargument, das kritisches Hinterfragen verhindert.
Händler platzieren dabei oft Skipjack-Thunfisch neben anderen Varianten zu ähnlichen Aktionspreisen. Der Preisunterschied von vielleicht 20 oder 30 Cent erweckt den Eindruck vergleichbarer Qualität. Tatsächlich rechtfertigen die unterschiedlichen Rohstoffpreise jedoch einen deutlich größeren Abstand. Aktionen wie „3 für 2“ oder „Beim Kauf von 5 Dosen sparen Sie 40%“ lenken zusätzlich von der Qualitätsfrage ab. Der Fokus liegt auf dem vermeintlichen Sparvorteil, nicht auf der Produktqualität.

Rechtliche Lage und deren Ausnutzung
Die Lebensmittelinformationsverordnung schreibt vor, dass die Verkehrsbezeichnung das Lebensmittel eindeutig beschreiben muss. Theoretisch. In der Praxis nutzen Hersteller Spielräume geschickt aus. Da „Thunfisch“ als Gattungsbezeichnung für verschiedene Arten gilt, ist die unspezifische Bezeichnung formal korrekt. Verbraucherschützer kritisieren diese Praxis seit Jahren, denn viele Verbraucher können nicht zwischen verschiedenen Thunfischarten unterscheiden und wissen nicht, welche Art sie kaufen.
So erkennen Sie, was wirklich in der Dose steckt
Trotz der irreführenden Praktiken gibt es Möglichkeiten, unterschiedliche Thunfischarten zu identifizieren. Der wichtigste Schritt ist die lateinische Bezeichnung in der Zutatenliste zu prüfen: „Thunnus alalunga“ steht für Echten Bonito oder Weißen Thun, „Thunnus albacares“ für Gelbflossen-Thunfisch und „Katsuwonus pelamis“ für Skipjack. Wenn auf der Vorderseite Begriffe wie „Weißer Thun“ oder „Albacore“ prominent stehen, handelt es sich um eine hochwertigere Variante als bei einfachen „Thunfisch“-Dosen.
Achten Sie auch auf Herkunftsangaben und Fangmethoden, die mit spezifischen Arten korrelieren. Extrem günstige Angebote deuten fast immer auf Skipjack hin. Wo möglich, zeigt helleres Fleisch durch transparente Verpackung tendenziell bessere Qualität als dunkles. Wenn auf der Dose lediglich „Thunfischsalat“ oder „Thunfisch in Öl“ ohne weitere Spezifizierung steht, können Sie von der günstigsten Variante ausgehen.
Die geschmacklichen Unterschiede im Detail
Die verschiedenen Thunfischarten unterscheiden sich nicht nur im Preis, sondern massiv im Geschmack. Echter Bonito hat einen deutlich milderen, weniger fischigen Geschmack. Die Konsistenz ist fester und eignet sich besser für hochwertige Salate oder als eigenständiges Gericht. Skipjack schmeckt intensiver, teilweise mit metallischen Noten, und hat eine weichere, manchmal breiige Konsistenz. Für stark gewürzte Gerichte, bei denen der Eigengeschmack des Fischs überdeckt wird, mag das ausreichen. Wer jedoch bestimmte Qualität erwartet und bezahlt, sollte wissen, welche Variante er erhält.
Was Verbraucher jetzt tun können
Dokumentieren Sie irreführende Fälle durch Fotos der Verpackung und wenden Sie sich an Verbraucherzentralen. Je mehr Beschwerden eingehen, desto größer wird der Druck auf Hersteller und Gesetzgeber, transparentere Regelungen zu schaffen. Informieren Sie sich vor dem Kauf aktiv über die lateinischen Artbezeichnungen – auch wenn diese Information verschleiert wird, ist sie rechtlich verpflichtend auf der Verpackung.
Investieren Sie die zusätzlichen 30 Sekunden beim Einkauf, um die Zutatenliste zu prüfen. Wählen Sie bewusst Produkte, die ihre Thunfischart klar kommunizieren, und belohnen Sie damit transparente Hersteller. Die systematische Verschleierung bei Thunfischdosen ist nur ein Beispiel für irreführende Verkaufsbezeichnungen im Lebensmittelbereich. Wer als Verbraucher die Mechanismen versteht und gezielt darauf achtet, kann sich vor unerwünschten Überraschungen schützen und gleichzeitig ein Zeichen für mehr Ehrlichkeit im Handel setzen.
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