Warum du heute nicht über Gefühle reden kannst – und was deine Kindheit damit zu tun hat
Du sitzt mit deinem Partner auf der Couch. Die Frage kommt: „Was fühlst du gerade?“ Und in deinem Kopf? Totale Leere. Nicht weil du nichts fühlst, sondern weil du verdammt noch mal nicht weißt, WAS du fühlst. Dein Magen ist komisch, deine Schultern verspannt, aber die Worte? Die kommen einfach nicht. Willkommen im Club derjenigen, die als Kind nie gelernt haben, über Gefühle zu sprechen – und jetzt als Erwachsene dafür bezahlen.
Das ist kein Drama-Posting und keine Übertreibung. Die Psychologie hat mittlerweile verdammt gute Belege dafür, dass Kinder, die in Familien aufwachsen, wo über Emotionen einfach geschwiegen wird, später massive Probleme damit haben, ihre eigene Gefühlswelt zu verstehen. Und nein, deine Eltern müssen dafür keine Monster gewesen sein. Manchmal reicht es schon, dass sie selbst nie gelernt haben, wie man über so was redet.
Das unsichtbare Problem, das jeder übersieht
Wenn wir an schwierige Kindheiten denken, kommen uns meistens die großen Sachen in den Sinn: Missbrauch, Vernachlässigung im Sinne von „das Kind wurde allein gelassen oder hatte nichts zu essen“. Aber es gibt eine andere Form der Vernachlässigung, die viel schwerer zu erkennen ist, weil äußerlich alles okay aussieht. Die Psychologie nennt das emotionale Vernachlässigung.
Das passiert, wenn deine Grundbedürfnisse erfüllt wurden – du hattest Essen, Kleidung, ein Zimmer, vielleicht sogar Spielzeug – aber deine emotionalen Bedürfnisse wurden komplett ignoriert. Wenn du als Kind geweint hast und die Antwort war „Jetzt stell dich nicht so an“ oder „Da gibt’s keinen Grund zum Weinen“, dann war das emotionale Vernachlässigung. Wenn du versucht hast, über deine Ängste zu reden und die Reaktion war „Das ist doch lächerlich“, dann war das emotionale Vernachlässigung.
Forschung zur emotionalen Entwicklung zeigt klar: Kinder lernen Gefühle durch ihre Bezugspersonen verstehen. Eltern funktionieren wie emotionale Übersetzungshilfen. Wenn das Baby schreit und die Mutter sagt „Oh, du bist hungrig“, lernt das Baby: Dieses komische Gefühl im Bauch heißt Hunger. Wenn das Kleinkind frustriert ist und der Vater sagt „Ich sehe, du bist wütend, weil das nicht geklappt hat“, lernt das Kind: Das brennende Gefühl in meiner Brust ist Wut, und das ist okay.
Aber wenn diese Übersetzungen fehlen? Wenn niemand deine Gefühle benennt, validiert oder überhaupt zur Kenntnis nimmt? Dann wächst du auf mit einer inneren Gefühlswelt, die für dich selbst komplett fremd bleibt. Du spürst da was, aber du hast keine Ahnung, was es ist oder was du damit anfangen sollst.
Wenn dein Gehirn keine Worte für Gefühle hat
Die Psychologie hat einen Begriff für das, was mit vielen dieser Kinder im Erwachsenenalter passiert: Alexithymie. Das klingt wie eine seltene Krankheit, ist aber erschreckend häufig. Alexithymie bedeutet keine Worte für Gefühle – das Wort kommt aus dem Griechischen und beschreibt exakt, was Betroffene erleben.
Menschen mit Alexithymie können ihre eigenen Emotionen nicht identifizieren oder beschreiben. Frag sie, wie sie sich fühlen, und sie werden dir von körperlichen Symptomen erzählen – „Mir ist schlecht“ oder „Ich bin müde“ – aber nicht von Emotionen. Das liegt nicht daran, dass sie keine Gefühle haben. Die Gefühle sind da, aber irgendwie kommt das Gehirn nicht an sie ran.
Und hier wird’s richtig interessant: Die primäre Form von Alexithymie – also die, die nicht durch ein Trauma oder eine Hirnverletzung entsteht – entwickelt sich typischerweise in der Kindheit. Besonders dann, wenn Eltern wenig über Gefühle reden und nicht auf die Emotionen ihrer Kinder reagieren. Das Kind lernt einfach nie, seine Gefühlswelt zu verstehen. Es ist, als würde man in einem Land aufwachsen, in dem niemand jemals über das Wetter spricht – irgendwann hörst du auf, es überhaupt bewusst wahrzunehmen.
Die Forschung zu emotionaler Vernachlässigung zeigt, dass dieser Mangel an emotionaler Validierung in der Kindheit direkt damit zusammenhängt, wie gut oder schlecht Menschen später ihre Gefühle regulieren können. Wenn dir niemand beigebracht hat, dass Emotionen normal, besprechbar und handhabbar sind, entwickelst du als Schutzmechanismus eine Art emotionale Taubheit. Dein Gehirn lernt: Gefühle sind gefährlich oder sinnlos, also ignorieren wir sie einfach.
Wie das in deinem Alltag aussieht
Falls du dich jetzt fragst, ob das auf dich zutrifft – hier sind ein paar verdammt deutliche Zeichen, dass du in einer emotional stummen Familie aufgewachsen bist. In Beziehungen bist du emotional unerreichbar. Dein Partner oder deine Partnerin beschwert sich ständig, dass du dich nicht öffnest. Nicht weil du nicht willst, sondern weil du buchstäblich nicht weißt, wie das geht. Emotionale Intimität fühlt sich an wie eine Fremdsprache, die alle anderen sprechen, nur du nicht.
Du fühlst dich chronisch isoliert, selbst wenn du von Menschen umgeben bist. Das liegt daran, dass echte Verbindung emotionalen Austausch braucht – und genau das kannst du nicht leisten. Dein Körper schreit, was dein Mund nicht sagen kann: Kopfschmerzen, Magenprobleme, Verspannungen, chronische Erschöpfung. Die Forschung zu Alexithymie zeigt einen klaren Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden – dein Körper verarbeitet die Emotionen, die dein Bewusstsein nicht greifen kann.
Du rationalisierst ALLES. Anstatt zu fühlen, analysierst du. Jemand fragt dich, wie es dir geht, und du antwortest mit einer logischen Situationsanalyse statt einer emotionalen Antwort. Du unterdrückst Gefühle automatisch – egal ob Wut, Trauer oder sogar Freude. Sobald eine Emotion aufkommt, drückst du sie instinktiv weg. Du hast als Kind gelernt, dass Gefühle zeigen zu nichts Gutem führt, also hast du es dir abtrainiert.
Diese Muster sind keine persönlichen Schwächen oder Charakterfehler. Sie sind Überlebensstrategien, die dein kindliches Gehirn entwickelt hat, um mit einer Umgebung klarzukommen, in der Emotionen nicht willkommen waren.
Warum deine Eltern das getan haben – und warum es trotzdem nicht okay ist
Hier kommt der Teil, der gleichzeitig beruhigend und frustrierend ist: Die meisten Eltern, die ihre Kinder emotional vernachlässigen, tun das nicht absichtlich. Sie sind keine bösen Menschen. Sie geben einfach weiter, was sie selbst erlebt haben.
Vielleicht sind deine Eltern in den 60ern oder 70ern aufgewachsen, als „Gefühle zeigen“ als Schwäche galt. Vielleicht haben sie selbst nie gelernt, über Emotionen zu sprechen, weil ihre Eltern es auch nicht konnten. Vielleicht haben sie eigene Traumata, die sie nie verarbeitet haben, und deshalb ist jede emotionale Situation für sie so bedrohlich, dass sie lieber alles zuschließen.
Das erklärt das Verhalten, macht es aber nicht weniger schädlich. Nur weil etwas unabsichtlich passiert ist, heißt das nicht, dass die Folgen nicht real sind. Du darfst anerkennen, dass deine Eltern wahrscheinlich ihr Bestes gegeben haben UND gleichzeitig akzeptieren, dass ihr Bestes nicht gut genug war, um dir emotionale Kompetenzen beizubringen.
Was in deinem Gehirn passiert ist
Die Neurowissenschaft hat mittlerweile ziemlich gute Erklärungen dafür, warum emotionale Vernachlässigung so nachhaltige Folgen hat. Dein Gehirn entwickelt sich in den ersten Lebensjahren rasend schnell, und die Erfahrungen, die du machst, formen buchstäblich deine neuronalen Verbindungen.
Wenn du als Kind wiederholt emotionale Unterstützung bekommen hast – wenn deine Gefühle validiert, benannt und begleitet wurden –, dann bauen sich starke neuronale Netzwerke für Emotionsverarbeitung und -regulation auf. Dein Gehirn lernt: Gefühle sind handhabbar, ich kann sie verstehen und damit umgehen.
Aber wenn diese Unterstützung fehlt? Dann werden diese Netzwerke nie richtig ausgebildet. Es ist wie ein Muskel, den du nie trainierst – er bleibt schwach. Emotionale Vernachlässigung in der Kindheit wird mit Veränderungen in bestimmten Hirnregionen in Verbindung gebracht, besonders im präfrontalen Kortex und der Amygdala. Diese Bereiche sind entscheidend für die Verarbeitung und Regulation von Emotionen.
Das bedeutet nicht, dass dein Gehirn kaputt oder unfähig zur Veränderung ist. Aber es erklärt, warum emotionale Situationen für dich überwältigender sein können als für andere Menschen. Deine neuronalen Schaltkreise für Gefühlsmanagement wurden einfach nie richtig verdrahtet.
Der fiese Kreislauf, der sich fortsetzt
Hier kommt der wirklich deprimierende Teil: Emotionale Stummheit vererbt sich. Nicht genetisch, sondern durch Verhalten. Wenn du nie gelernt hast, über Gefühle zu sprechen, wirst du es wahrscheinlich auch deinen eigenen Kindern nicht beibringen. Nicht weil du ein schlechter Elternteil bist, sondern weil du etwas nicht weitergeben kannst, was du selbst nie hattest.
Der Kreislauf funktioniert so: Emotional vernachlässigte Kinder werden zu Erwachsenen, die keine emotionale Sprache haben. Diese Erwachsenen bekommen Kinder und können – selbst wenn sie es wollen – nicht angemessen auf deren emotionale Bedürfnisse reagieren, weil sie selbst nie gelernt haben, wie das geht. Diese Kinder wachsen auf, werden zu Erwachsenen ohne emotionale Sprache, und so weiter.
Das klingt hoffnungslos, ist es aber nicht. Denn das Bewusstwerden über diesen Kreislauf ist der erste Schritt, um ihn zu durchbrechen. Und genau das machst du gerade, indem du das hier liest.
Die gute Nachricht: Dein Gehirn kann lernen
Jetzt kommt endlich der hoffnungsvolle Teil. Neuroplastizität ist das Zauberwort – die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und neue Verbindungen aufzubauen, auch im Erwachsenenalter. Du bist nicht für immer gefangen in den Mustern, die in deiner Kindheit entstanden sind.
Studien zur Neuroplastizität zeigen, dass gezielte Interventionen auch bei Erwachsenen zu messbaren Veränderungen in der Hirnstruktur führen können. Das bedeutet: Auch wenn du 30, 40 oder 50 Jahre lang emotional taub warst, kannst du lernen, wieder zu fühlen – oder vielleicht zum ersten Mal richtig zu fühlen.
Der Schlüssel liegt in professioneller Hilfe. Therapieansätze wie die emotionsfokussierte Therapie sind speziell dafür entwickelt worden, Menschen dabei zu helfen, eine emotionale Sprache zu entwickeln. Die Forschung zeigt, dass solche Therapien tatsächlich die Symptome von Alexithymie signifikant verbessern können. Es ist buchstäblich wie eine emotionale Sprachschule für Erwachsene.
Das fühlt sich am Anfang unglaublich fremd und unangenehm an. Du sitzt da und sollst über Gefühle reden, aber du hast keine Ahnung, was du sagen sollst. Es ist peinlich, frustrierend und oft überwältigend. Aber mit der Zeit – und ja, das braucht Zeit – lernst du, die körperlichen Empfindungen mit emotionalen Worten zu verbinden. Du übst, „Ich bin traurig“ zu sagen, statt nur „Mir ist schlecht“.
Was du selbst tun kannst
Therapie ist großartig, aber nicht jeder hat sofort Zugang dazu. Es gibt auch Sachen, die du selbst machen kannst, um langsam eine emotionale Sprache zu entwickeln.
- Fang mit einem simplen Check-in an: Setz dich mehrmals am Tag hin und frag dich: „Was fühle ich gerade?“ Wenn keine Antwort kommt – und am Anfang wird keine kommen –, dann frag deinen Körper: „Wo spüre ich etwas? Ist da Enge in der Brust? Druck im Bauch? Spannung in den Schultern?“ Verbinde diese körperlichen Empfindungen langsam mit Gefühlsworten.
- Es gibt tatsächlich Listen mit Gefühlswörtern online. Ja, das klingt albern, aber die Forschung zu achtsamkeitsbasierten Praktiken zeigt, dass das bewusste Üben, Emotionen zu benennen, tatsächlich die Fähigkeit zur Emotionserkennung verbessert. Drucke dir so eine Liste aus und versuche, täglich drei verschiedene Gefühle zu identifizieren und zu benennen. Auch wenn es sich am Anfang komplett künstlich anfühlt.
- Kreative Ausdrucksformen können Türen öffnen, wo Worte versagen. Malen, Musik hören oder machen, Tanzen, Schreiben – manchmal kommt man über diese Wege an Emotionen ran, die das rationale Denken blockiert. Dein Körper und deine Kreativität haben oft Zugang zu Gefühlen, die dein bewusster Verstand noch nicht greifen kann.
Warum das alles wichtig ist
Emotionale Kompetenz ist kein Nice-to-have. Sie ist fundamental für psychische Gesundheit und befriedigende Beziehungen. Die Forschung zeigt eindeutig: Menschen mit Alexithymie haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen. Das macht Sinn – wenn du deine Gefühle nicht verstehen oder ausdrücken kannst, stauen sie sich auf und kommen irgendwann als psychische oder körperliche Symptome wieder hoch.
Aber es geht nicht nur um dich. Wenn du lernst, emotional kompetent zu werden, durchbrichst du einen generationsübergreifenden Kreislauf. Wenn du Kinder hast oder haben wirst, kannst du ihnen etwas geben, was dir gefehlt hat. Du kannst die Eltern sein, die emotionale Bedürfnisse wahrnehmen und validieren.
Das ist keine Anklage gegen deine eigenen Eltern. Sie haben wahrscheinlich ihr Bestes gegeben mit den Werkzeugen, die sie hatten. Aber du hast jetzt die Chance, neue Werkzeuge zu lernen und weiterzugeben.
Die unbequeme Wahrheit
Sei dir bewusst: Der Weg zurück ins Fühlen ist nicht gemütlich. Wenn du jahrzehntelang Gefühle weggedrückt hast und plötzlich anfängst, sie zuzulassen, kommt alles auf einmal hoch. Da wartet ein ganzer Raum voller ungefühlter Emotionen auf dich – Trauer über verlorene Zeit, Wut auf das, was dir vorenthalten wurde, Angst vor der Intensität.
Das Paradoxe ist: Du kannst Emotionen nicht selektiv unterdrücken. Wenn du die schwierigen Gefühle wegdrückst, blockierst du automatisch auch die schönen. Wenn du wieder fühlen lernen willst, musst du durch den ganzen Mist durch, um auf der anderen Seite auch Freude, Verbundenheit und Lebendigkeit zu erleben.
Millionen von Menschen wachsen in emotional stummen Familien auf. Das ist kein exotisches Problem, sondern erschreckend normal. Gerade in Kulturen, die „Zähne zusammenbeißen“ glorifizieren, ist das fast schon Standard. Du bist nicht allein damit.
Das Gute ist: Wir fangen endlich an, darüber zu reden. Emotionale Intelligenz wird zunehmend als wichtige Fähigkeit anerkannt. Therapie verliert ihr Stigma. Verletzlichkeit wird nicht mehr nur als Schwäche gesehen.
Wenn du heute erkennst, dass du als Kind nicht über Gefühle sprechen konntest und deshalb jetzt die Konsequenzen trägst, dann bist du nicht kaputt oder defekt. Du bist ein Mensch, der sich an eine schwierige Umgebung angepasst hat. Und jetzt, als Erwachsener, hast du die Macht, neue Anpassungen zu wählen. Es ist nie zu spät, eine emotionale Sprache zu lernen – und dein jüngeres Ich, das damals stillschweigend gelitten hat, hat verdient, dass du ihm endlich die Worte gibst, die damals gefehlt haben.
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