Kaninchen gelten oft als pflegeleichte Haustiere, doch die Realität sieht anders aus: Viele erwachsene Kaninchen leiden unter chronischem Stress, der sich durch Verhaltensauffälligkeiten wie exzessives Verstecken, plötzliche Aggressivität oder besorgniserregende Lethargie äußert. Diese Symptome sind keine Charaktereigenschaften, sondern Hilferufe eines Tieres, dessen grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Während die Haltungsbedingungen die Hauptrolle spielen, trägt auch die richtige Ernährung zum Wohlbefinden bei.
Wie Stress sich bei Kaninchen zeigt
Chronischer Stress führt bei Kaninchen zu deutlich sichtbaren Verhaltensänderungen. Betroffene Tiere zeigen Nervosität, Apathie, ängstliches oder aggressives Verhalten sowie zwanghafte oder bewegungsstereotype Verhaltensweisen. Chronisch gestresste Kaninchen zeigen deutlich weniger ausgelassene Freudensprünge und kaum entspannende Tiefschlafphasen. Die Ursachen liegen meist in unzureichenden Haltungsbedingungen, fehlenden Sozialpartnern, Krankheiten oder Schmerzen.
Eine Studie der Universität Bristol aus dem Jahr 2023 untersuchte den Zusammenhang zwischen Haltungsbedingungen und Stress bei Kaninchen. Die Forscher verglichen Tiere in unterschiedlich großen Ställen und mit verschiedenem Auslaufzugang. Das Ergebnis war eindeutig: Kaninchen in kleinen Ställen mit limitiertem Auslauf wiesen deutlich erhöhte Stresshormone im Kot auf, besonders wenn ihnen nur drei Stunden täglich Bewegungsfreiheit gewährt wurde. Selbst eine Bodenfläche von 0,75 Quadratmetern mit drei Stunden täglichem Auslauf erwies sich als zu klein.
Die Bedeutung der artgerechten Ernährung
Auch wenn Haltungsbedingungen und soziale Faktoren die Hauptursachen für Stress darstellen, spielt die Ernährung eine wichtige unterstützende Rolle für das Wohlbefinden. Kaninchen sind Dickdarmfermentierer und benötigen eine kontinuierliche Nahrungsaufnahme über den gesamten Tag verteilt. Wenn diese natürliche Futtersuche und Nahrungsaufnahme nicht gewährleistet ist, kann zusätzlicher Stress entstehen. Das Verdauungssystem von Kaninchen ist darauf ausgelegt, ständig rohfaserreiche Nahrung zu verarbeiten.
Heu als Grundlage der Ernährung
Die wichtigste Ernährungskomponente für Kaninchen ist qualitativ hochwertiges Heu in unbegrenzter Menge. Heu sollte mindestens 80 Prozent der täglichen Nahrung ausmachen und rund um die Uhr verfügbar sein. Dies wird in der Praxis jedoch häufig unterschätzt.
Die Art der Heu-Präsentation kann das Verhalten der Tiere positiv beeinflussen. Kaninchen, die ihr Heu aus verschiedenen Raufen in unterschiedlichen Höhen entnehmen können, haben mehr Beschäftigungsmöglichkeiten als jene mit nur einer Futterquelle. Die Futtersuche stellt ein natürliches Beschäftigungsprogramm dar, das Langeweile reduziert. Gutes Heu erkennt man an seiner grünen Farbe ohne Staubentwicklung, einem aromatischen und frischen Geruch sowie einer vielfältigen Gräser- und Kräuterzusammensetzung. Strukturreichtum mit unterschiedlichen Halmlängen und Trockenheit ohne Schimmelbildung sind weitere wichtige Merkmale.
Frischfutter für Abwechslung und Beschäftigung
Neben Heu spielt frisches Grünfutter eine wichtige Rolle in der Kaninchenernährung. Blattgemüse sollte täglich in variierender Zusammensetzung angeboten werden. Die empfohlene Menge liegt bei etwa 100 bis 150 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Wichtig ist die langsame Gewöhnung an neue Sorten, um Verdauungsprobleme zu vermeiden.
Bittere Salate wie Chicorée, Endivie und Radicchio fördern die Verdauung und beschäftigen durch ihren intensiven Geschmack. Küchenkräuter wie Basilikum, Petersilie und Koriander wirken in kleinen Mengen appetitanregend. Wildkräuter wie Löwenzahn, Spitzwegerich und Schafgarbe bieten Beschäftigung und sekundäre Pflanzenstoffe. Blattgemüse wie Karottengrün, Kohlrabiblätter und Selleriegrün liefern wichtige Nährstoffe und sorgen für Abwechslung im Speiseplan.

Was erwachsene Kaninchen nicht erhalten sollten
Genauso wichtig wie die richtige Ernährung ist das Weglassen falscher Futtermittel. Handelsübliches Trockenfutter mit Getreide, Pellets und bunten Zusätzen ist nicht artgerecht und kann gesundheitliche Probleme verursachen. Solche Produkte werden zu schnell gefressen und bieten keine natürliche Beschäftigung. Zudem führen sie häufig zu Übergewicht und Verdauungsstörungen.
Auch gut gemeinte Leckerlis können kontraproduktiv sein: Joghurtdrops, Knabberstangen mit Honig oder getreidehaltige Snacks belasten den Organismus und können zu gefährlichen Zahnerkrankungen führen. Diese wiederum verursachen chronische Schmerzen, die als bedeutender Stressfaktor bei Kaninchen gelten.
Fütterungsroutinen für mehr Beschäftigung
Die Art und Weise, wie Futter angeboten wird, kann das Wohlbefinden positiv beeinflussen. Kaninchen sind dämmerungsaktive Tiere mit natürlichen Aktivitätsphasen in den Morgen- und Abendstunden. Frischfutter sollte entsprechend zweimal täglich zu festen Zeiten gereicht werden, während Heu permanent verfügbar sein muss.
Beschäftigungsfütterung ist ein wichtiger Aspekt: Verstecken Sie Kräuter in Heubergen, verteilen Sie Gemüse an verschiedenen Stellen im Gehege oder verwenden Sie Futterbälle aus Weide oder Gras. Diese Maßnahmen simulieren die natürliche Futtersuche und reduzieren Langeweile in reizarmen Umgebungen. Da Kaninchen 60 bis 80 Mal pro Tag fressen, nimmt die Nahrungsaufnahme einen Großteil ihrer wachen Zeit ein.
Mineralstoffe und Vitamine für die Gesundheit
Bestimmte Mikronährstoffe spielen eine Rolle für die Nervenfunktion. Magnesium etwa ist essentiell für die Nervenfunktion und wirkt entspannend auf die Muskulatur. B-Vitamine unterstützen das Nervensystem und tragen zur allgemeinen Vitalität bei.
Bei artgerechter Ernährung mit vielfältigem Grünfutter und qualitativem Heu ist eine Supplementierung normalerweise nicht nötig. In Ausnahmefällen kann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein. Dies sollte jedoch immer in Absprache mit einem kaninchenkundigen Tierarzt erfolgen.
Wasser als wichtiger Faktor
Frisches Wasser muss permanent in sauberen Näpfen oder Trinkflaschen zur Verfügung stehen. Näpfe haben den Vorteil, dass sie die natürlichere Trinkhaltung ermöglichen und die Wasseraufnahme fördern. Ein erwachsenes Kaninchen sollte etwa 50 bis 100 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht täglich aufnehmen. Abweichungen können auf gesundheitliche Probleme hinweisen und sollten beobachtet werden.
Die richtige Haltung als Grundlage
So wichtig die richtige Ernährung ist, sie kann strukturelle Mängel in der Haltung nicht kompensieren. Die Hauptursachen für chronischen Stress bei Kaninchen sind unzureichende Haltungsbedingungen und fehlende Sozialpartner. Kaninchen benötigen ausreichend Grundfläche, Artgenossen als Sozialpartner und eine strukturierte Umgebung mit Versteckmöglichkeiten, Aussichtsplätzen und Beschäftigungsmaterial.
Die Universität Bristol zeigte in ihrer Studie, dass Kaninchen mit größeren Ställen und uneingeschränktem Auslauf deutlich weniger Stresshormone aufwiesen als jene in kleineren Behausungen mit limitiertem Auslauf. Einzelhaltung ist für diese hochsozialen Tiere besonders belastend und führt zu erheblichem Stress.
Die Ernährung sollte als ein Baustein in einem umfassenden Konzept gesehen werden. Eine artgerechte, abwechslungsreiche und beschäftigungsfördernde Fütterung kann einen wertvollen Beitrag zum Wohlbefinden leisten, ersetzt aber nicht die Grundvoraussetzungen: ausreichend Platz, geeignete Sozialpartner und eine anregende Umgebung. Jedes Kaninchen, das Verhaltensauffälligkeiten zeigt, verdient es, dass wir seine Bedürfnisse ganzheitlich betrachten und ihm ein Leben ermöglichen, das seinen natürlichen Ansprüchen gerecht wird.
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