Beim Gang durch die Gemüseabteilung fällt der Blick auf pralle, rote Tomaten, die mit Hinweisen auf regionale Herkunft locken. Doch hinter den verlockenden Versprechen verbirgt sich oft eine Realität, die Verbraucher bewusst im Unklaren lässt. Die Herkunftskennzeichnung bei Tomaten gleicht nicht selten einem Verwirrspiel, bei dem geschickte Formulierungen und unklare Angaben die wahre Produktgeschichte verschleiern.
Wenn „regional“ nicht regional bedeutet
Der Begriff „regional“ ist rechtlich nicht geschützt und wird von Händlern unterschiedlich ausgelegt. Was für den einen Verbraucher die unmittelbare Umgebung von 50 Kilometern bedeutet, kann für einen Anbieter bereits das gesamte Bundesgebiet umfassen. Diese fehlende einheitliche Definition erlaubt es, mit freiwilligen Regionalangaben zu arbeiten, die keiner klaren gesetzlichen Regelung unterliegen.
Besonders tückisch wird es bei Tomaten, die zwar in Deutschland verpackt wurden, aber aus dem Ausland stammen. Die Verpackungsadresse in Deutschland erweckt den Eindruck heimischer Produktion, während die eigentliche Anbauregion weit entfernt liegt. Diese Praxis ist legal, täuscht aber über die wahren Transportwege und Produktionsbedingungen hinweg.
Das Etiketten-Labyrinth entwirren
Die gesetzlich vorgeschriebene Herkunftsangabe bei frischem Obst und Gemüse sollte eigentlich Klarheit schaffen. Bei verpacktem und unverpacktem unverarbeitetem Obst und Gemüse muss in der Regel das Anbauland angegeben werden. Doch in der Praxis werden Verbraucher mit Formulierungen konfrontiert, die mehr verschleiern als offenlegen. „Verpackt in Deutschland“ unterscheidet sich fundamental von „Erzeugt in Deutschland“ – ein Unterschied, den viele Käufer beim schnellen Einkauf übersehen.
Seit dem 1. April 2020 regelt die Lebensmittelinformationsverordnung die Kennzeichnung des Ursprungslandes genauer. Wenn das Ursprungsland eines Lebensmittels angegeben wird und dieses nicht mit dem Ursprungsland der primären Zutat identisch ist, muss auch das Ursprungsland der primären Zutat angegeben werden. Bei Angaben wie „Italienische Tomatensauce“ muss beispielsweise das abweichende Ursprungsland des Tomatenfruchtfleischs gekennzeichnet werden, falls dieses aus einem anderen Land stammt.
Versteckte Hinweise richtig deuten
Die Kennzeichnung muss im selben Sichtfeld erscheinen wie die Herkunftsangabe des Lebensmittels und in einer Schriftgröße von mindestens 1,2 Millimetern erfolgen. Die Herkunft der Primärzutat muss mindestens 75 Prozent der Schriftgröße der Lebensmittelherkunft ausmachen. Dennoch nutzen manche Etiketten Länderkürzel wie „ES“ oder „MA“, die für Spanien oder Marokko stehen – Abkürzungen, die nicht jeder sofort entschlüsseln kann.
Hinzu kommt die Problematik von Sammelpackungen, bei denen Tomaten aus verschiedenen Ländern gemeinsam verpackt werden. Bei Lebensmitteln, die mit einer Herkunftsangabe gekennzeichnet sind, müssen die Ursprungsländer der primären Zutat vollständig angegeben werden. Zulässig sind Angaben wie „Tomatenfruchtfleisch stammt aus Spanien, Deutschland und Argentinien“ oder alternativ „Tomatenfruchtfleisch aus EU und Nicht-EU“. Die Reihenfolge sagt jedoch nichts über die tatsächlichen Anteile aus. Eine Packung mit der Angabe „Deutschland/Niederlande“ könnte zu 90 Prozent aus niederländischen Tomaten bestehen.
Die Täuschung mit der Regionalität im Detail
Supermärkte arbeiten mit psychologischen Tricks, um den Eindruck regionaler Nähe zu vermitteln. Holzkisten, rustikale Präsentationen und Schilder mit handschriftlicher Optik suggerieren Direktvermarktung vom Bauern. Tatsächlich durchlaufen die meisten Tomaten jedoch lange Lieferketten über Großmärkte und Zwischenhändler.
Ein weiteres Problem stellt die zeitliche Komponente dar. Tomaten, die im Winter als „aus der Region“ beworben werden, stammen zwangsläufig aus beheizten Gewächshäusern oder wurden importiert. Die Saisonalität spielt eine wichtige Rolle bei der Beurteilung von Herkunftsangaben. Wer außerhalb der Sommermonate regionale Tomaten kauft, erwirbt meist Gewächshausprodukte mit hohem Energieaufwand.
Wirtschaftliche Interessen hinter der Verschleierung
Die Verschleierung der Herkunft ist kein Zufall, sondern folgt klaren wirtschaftlichen Kalkulationen. Importierte Tomaten sind häufig günstiger in der Beschaffung, während Verbraucher bereit sind, für vermeintlich regionale Produkte höhere Preise zu zahlen. Diese Preisdifferenz schafft einen Anreiz für irreführende Marketingstrategien.

Zudem ermöglicht die unklare Herkunftsangabe, flexibel auf Marktpreise zu reagieren. Händler können je nach Verfügbarkeit und Preis zwischen verschiedenen Lieferanten wechseln, ohne dass dies für Verbraucher transparent wird. Die Produktpräsentation bleibt gleich, nur die tatsächliche Herkunft ändert sich – unbemerkt vom Käufer.
Gesundheitliche und ökologische Folgen
Die verschleierte Herkunft hat Konsequenzen, die über den finanziellen Aspekt hinausgehen. Lange Transportwege erfordern eine frühere Ernte, was sich negativ auf Geschmack und Nährstoffgehalt auswirkt. Tomaten, die unreif geerntet und künstlich nachgereift werden, erreichen nie die Qualität von sonnenreif geernteten Früchten aus regionalem Anbau.
Der ökologische Fußabdruck unterscheidet sich dramatisch zwischen tatsächlich regionalen und weit gereisten Tomaten. Wer bewusst regional einkaufen möchte, um Transportemissionen zu reduzieren, wird durch unklare Herkunftsangaben an diesem Ziel gehindert. Die Klimabilanz verschlechtert sich, obwohl der Verbraucher glaubt, verantwortungsvoll zu handeln.
So schützen Sie sich vor Täuschung
Kritisches Hinterfragen beginnt beim bewussten Lesen der Etiketten. Suchen Sie gezielt nach dem Begriff „Ursprungsland“ oder „Herkunft“ und lassen Sie sich nicht von Verpackungsadressen täuschen. Achten Sie darauf, dass explizit „angebaut in“ oder „erzeugt in“ Deutschland steht, wenn Sie regionale Produkte wünschen. Das Wissen um natürliche Erntezeiten schützt vor unrealistischen Versprechungen. Wer im März deutsche Tomaten kauft, erhält zwangsläufig Gewächshausware – was nicht grundsätzlich schlecht ist, aber eben eine andere Produktionsweise mit anderem Energie- und Ressourceneinsatz bedeutet.
Wichtig zu wissen: Sobald Obst oder Gemüse auf irgendeine Art verarbeitet wurde – beispielsweise geschnitten, getrocknet oder eingelegt – entfällt die Kennzeichnungspflicht. Bei frischen, unverarbeiteten Tomaten gilt die Pflicht zur Herkunftsangabe jedoch uneingeschränkt. Einige Erzeugnisse wie Bananen, Kartoffeln, Oliven, Kapern, Zuckermais, Datteln sowie verschiedene Arten von Nüssen oder Gewürzen sind von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen. Tomaten gehören nicht dazu.
Alternative Bezugsquellen in Betracht ziehen
Wochenmärkte mit Direktvermarktern, Hofläden oder Gemüsekisten-Abonnements bieten oft mehr Transparenz als der anonyme Supermarktkauf. Bei direktem Kontakt zum Erzeuger lässt sich die Herkunft zweifelsfrei klären. Auch regionale Vermarktungsinitiativen schaffen verlässliche Strukturen für echte Regionalität. Seit Frühjahr 2024 gibt es das freiwillige „Herkunftszeichen Deutschland“ für Produkte, die zu 100 Prozent in Deutschland erzeugt, verarbeitet und verpackt wurden. Verbraucherschutzorganisationen sehen darin jedoch eine Erweiterung des bereits bestehenden Siegeldschungels.
Die Macht bewusster Kaufentscheidungen
Jeder Einkauf ist eine Abstimmung mit dem Geldbeutel. Wer konsequent nachfragt und nur bei transparenter Herkunftsangabe kauft, setzt ein Signal an Handel und Erzeuger. Beschwerden bei irreführender Kennzeichnung können an Verbraucherzentralen gerichtet werden, die solche Fälle dokumentieren und gegebenenfalls rechtliche Schritte einleiten.
Die Forderung nach klaren, eindeutigen Herkunftsangaben muss lauter werden. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag eine umfassende Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln zum Ziel gesetzt. Als verpflichtende Angabe wird die Ausweisung der Herkunftsangabe auf mitgliedstaatlicher Ebene – beispielsweise „Deutschland“ – bevorzugt, wobei freiwillige Regionalangaben ergänzend möglich bleiben sollen. Im Rahmen der Farm-to-Fork-Strategie prüft die EU-Kommission die Ausweitung verpflichtender Herkunftsangaben unter anderem für Tomaten in bestimmten Tomatenprodukten.
Die Verschleierung der Tomatenherkunft ist symptomatisch für Probleme im gesamten Lebensmittelhandel. Wachsamkeit, Wissen und bewusstes Einkaufsverhalten sind die wirksamsten Werkzeuge gegen diese Praktiken. Nur informierte Verbraucher können den Druck erzeugen, der zu echten Veränderungen führt – für mehr Ehrlichkeit in den Regalen und fairere Bedingungen für alle Beteiligten.
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